Der kleine Däumling

 

Märchen nach Ludwig Bechstein

 

Hörspielbearbeitung / Regie: Konrad Halver

 

Das Hörspiel befindet sich auf der B Seite von dieser Platte:

 

 

EUROPA LP: E 281

 

und ist ein kleiner echter Märchenschatz.

 

Vor einigen Tagen habe ich zum ersten Mal das etwas "fiese"  Däumling Hörspiel mit Hans Paetsch als Erzähler von EUROPA gehört und bin völlig begeistert. Die Stimme von dem Menschenfresser ist so richtig schön krächzend und ätzend. Vor lauter Schauer sind mir fast beide Ohren abgefallen.

 

Am schaurigstem fand ich die Szene, wo der Menschenfresser seinen eigenen Töchtern die Kehle durchschnitt. Der Dialog in der Szene: "Ah, nun erstmal das erste" STICH SCHNITT  "Oh und nun das zweite" STICH SCHNITT und so weiter, bis alle Töchter vertilgt waren.

 

Der Menschenfresser wußte jedoch nicht, dass es seine eigenen Töchter waren, die er umbrachte, weil der Kleine Däumling einen Trick angewandt hat. Als er sich mit seinen Geschwistern zu Bett begab, nahm er von jedem der schlafenden Töchter die Kronen ab und setzte sie sich und seinen Brüdern selber auf den Kopf. So dachte der Menschenfresser, dass die Kinder mit den Kronen auf den Köpfen seine Töchter seien, doch dies war leider ein folgenschwerer Trugschluß. Beim Abendbrot, als der Menschenfresser von seiner Frau bewirtet wird, hört man ihn richtig schmatzen und erst nach dem "normalen" Abendmahl, welches nicht gerade knapp ausfiel, bekommt er Appetit auf Menschen, weil seine Nase einen frischen und neuen Menschenduft gewittert hat, der von Irgendwo im Haus herrühren muß.

 

Die Besetzung ist erstklassisch. Rudolf Fenner mit tiefer und krächzender Stimme als Menschenfresser ist ideal besetzt, und Horst Beck als Korbmacher hört sich einfach wunderbar an.

 

Einige Märchen der Gebrüder Grimm sind ja teilweise etwas grausam, aber das Märchen: "Der kleine Däumling" von Ludwig Bechstein, ist eine Interessante Mischung aus Grausamkeit und Zauberhaftigkeit, bei dem mir beim Hören eine wohlige Gänsehaut den Rücken hinunterlief. Besonders am Anfang des Hörspiels kommt die Verzweiflung, die beide Eltern haben, so richtig zum Vorschein. Man spürt wie ungern und wie traurig sie ihre Kinder in den Wald schicken müssen, weil sie nicht mehr genug zu Essen haben. Die Geschäfte des Korbmachers liefen sehr lange, sehr schlecht.

 

Die Atmosphäre wechselt schnell zwischen gruseligem Schauer zu fast fröhlicher Heiterkeit, zum Beispiel in der Szene, in der die Frau des Menschenfressers entdeckt hat, das ihre eigenen Töchter tot sind, dafür aber der Kleine Däumling und seine Brüder aus dem Haus des Menschenfressers fliehen konnten. Der Menschenfresser will sich rächen an dem Kleinen Däumling und zieht seine Sieben Meilen Stiefel an, um so schneller den Kleinen Däumling fangen zu können.

 

Aber umgekehrt wird ein Schuh daraus.

 

Der kleine Däumling bekommt nun eine Idee, wie er den Menschenfresser am besten das Handwerk legen kann. Er wartet vor dem Eingang einer Höhle darauf, das der Menschenfresser eingeschlafen ist. Als der Menschenfresser endlich schläft und schnarcht, stibitzt er sich einfach die Sieben Meilen Stiefel und läuft damit, zusammen mit seinen Geschwistern, schnell zurück zu seinen Eltern. Der Menschenfresser bemerkt erst, als der Kleine Däumling schon längst über alle Berge ist, den Verlust seiner Stiefel und flucht darüber lautstark. Als sie zu Hause ankommen, ist die Freude groß, und man spürt eine große Erleichterung und Zufriedenheit bei den Eltern und auch bei den Kindern.

 

So schaurig das Hörspiel auch ist, so wunderschön und zauberhaft ist es. Die kurzen Musikeinspielungen wirken beruhigend. Das Vogelgezwitscher und die anderen Geräusche im Wald hören sich sehr echt an, und man bekommt ein bißchen das Gefühl, als ob man sich auf einer hellen und klaren Lichtung befindet, die tief im finsteren Wald liegt.

 

Beim ersten Mal wo die Kinder in den Wald geschickt werden, da können sie zurück nach Hause finden, weil sie kleine Steine auf den Weg streuen. Aber beim zweiten Mal haben sie keine Steine mehr und streuen Brotkrümel auf den Weg, die leider von den Vögeln aufgefuttert werden.

 

Die Stimme von Hans Paetsch     klingt so richtig traurig, als er davon erzählt wie die Kinder nun nicht mehr zurück nach Hause können und sich im Wald verirrt haben. Aber als die Kinder ein Licht von einem Haus entdeckt haben, da wird die Stimme von Hans Paetsch sogleich fröhlicher. Diese Schwankungen in der Erzähler Stimme sind genial gemacht und wirken sich auf die gesamte Atmosphäre des Hörspiels aus.

 

Richtig warm ums Herz wurde mir, wo der Däumling das "Siebenmeilen Stiefel Lied" sang, mit fröhlicher Stimme reist er nun um die Welt, so wie es ihm gefällt. Und wenn er nicht gestorben ist, so reist er heute noch um die Welt.

 

Ich kann jedem der gerne spannende Märchen hört, dieses Hörspiel sehr und uneingeschränkt empfehlen. Für diejenigen Hörer die gerne Gebrüder Grimm Märchen mögen und Hörer die gerne Hans Paetsch hören, wird das Hörspiel ein wahrer Leckerbissen sein. Für mich ist "Der Kleine Däumling" das schönste Märchen Hörspiel was ich bis jetzt gehört habe.

 

Rudolf Fenner Foto und Hörprobe als Zyklop aus "Die Irrfahrten des Odysseus

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